Presseberichte

Der Traum vom Laufen

Rund 100.000 Querschnittgelähmte gibt es in Deutschland. Viele träumen davon, wieder laufen zu können. Diesen Wunsch will ein israelisches Unternehmen mit ihrem Exoskelett ReWalk nun erfüllen. Viele Krankenkassen sträuben sich jedoch, die Kosten zu übernehmen.

Ganz langsam setzt Anouk ein Bein vor das andere. Die Schritte der 24-Jährigen sind wackelig. Hinter ihr achtet ein Mann darauf, dass sie nicht hinfällt. Die junge Frau geht auf den Spiegel zu, sieht ihre ausgestreckten Beine – und ihr kommen die Tränen. „Ich hatte ganz vergessen, wie groß ich bin“, sagt sie.

Anouk ist 1,70 Meter, hat schulterlange blonde Haare, ein offenes Lachen und ist ab dem zehnten Brustwirbel abwärts gelähmt. Vor zwei Jahren hatte sie sich, wie es für Medizinstudenten empfohlen wird, gegen Hepatitis impfen lassen. Eine Standardimpfung. Eins zu einer Million: So gering ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei der Impfung etwas schiefgeht. Anouk war diese Eins. Ihr Rückenmark entzündete sich, der Po wurde taub, wenig später spürte sie ihre Beine nicht mehr.

Seither sitzt Anouk im Rollstuhl. „Anfangs war es hart“, sagt sie, „aber mittlerweile kann ich damit umgehen.“ Jetzt steht die Studentin auf der Rehacare in Düsseldorf, einer der größten Fachmessen für Medizintechnik weltweit, vor dem Spiegel. Ihre Beine stecken in einer Art Roboterhose, einem sogenannten Exoskelett mit dem Namen „ReWalk“ – auf Deutsch „Wieder laufen“.

 

Vom Prototypen zur motorisierten Orthese

Der ReWalk ist eine Entwicklung des israelischen Ingenieurs Amit Goffer. Der mittlerweile 63-Jährige ist durch einen Unfall selbst querschnittgelähmt. Mit der Vorstellung, nie wieder laufen zu können, wollte er sich jedoch nicht abfinden. Die Technik sollte ihm das zurückgeben, was ihm der Unfall genommen hatte: die Fähigkeit, sich die Welt gehend zu erschließen.

Also begann der Ingenieur zu tüfteln. Die ersten Prototypen stellte Goffer noch bei sich zu Hause her. 2001 gründete er das Start-up Argo Medical Technologies. Drei Jahre später waren die ersten zwei Exoskelette einsatzbereit.

 

Anouk Schmitt mit einem ReWalk-Therapeuten © Lukas Kapfer

 

„Die ersten Modelle sahen schon abenteuerlich aus“, erzählt John Frijters. Der gebürtige Niederländer hat früher beim Prothesenhersteller Otto Bock gearbeitet, seit gut sechs Jahren ist er bei ReWalk Robotics – so nennt sich die Firma heute – für die Entwicklung des europäischen Marktes zuständig.

Mit einer improvisierten Laufhilfe hat der heutige ReWalk nichts mehr zu tun. Das Exoskelett, mit dem Anouk über die Düsseldorfer Medizintechnikmesse spaziert, ist ein durchdesigntes Assistenzsystem mit moderner Antriebs- und Steuerungstechnik.

 

Anouks Blog

Anouk schreibt den Blog TH10 über ihr Leben mit Querschnittlähmung zusammen mit ihrem Freund Lukas. Dem Exoskelett ReWalk haben die beiden sogar eine eigene Rubrik gewidmet. Unser Beitrag aus der Reihe „Gebloggt“ stellt Ihnen den Blog vor.

 

Knie und Füße der 24-Jährigen werden mithilfe von vier Motoren bewegt. Akkus und Steuerungselemente sind in einem kleinen Rucksack auf ihrem Rücken verstaut. Über ein Armband an ihrem Handgelenk gibt sie dem ReWalk den Befehl, ihre Beine zu bewegen. Ein Sensor in Höhe ihrer Hüfte registriert ihre Bewegungen und steuert die Richtung.

Damit Anouk in der motorisierten Orthese nicht das Gleichgewicht verliert, braucht sie zusätzlich ein paar Gehstützen. Noch sind ihre Schritte wacklig. „Wer mit dem Exoskelett laufen will, muss üben“, erklärt Frijters, „und kann auf die Gehstützen nicht verzichten.“ Gut trainiert unterscheiden sich die Bewegungen mit einem ReWalk jedoch kaum vom natürlichen Bewegungsablauf.

 

„Die Bauchschmerzen waren schlagartig weg“

Inzwischen gibt es das Gerät bereits in der sechsten Generation und aus dem Ein-Mann-Betrieb ist ein international tätiges Unternehmen mit über 100 Mitarbeitern geworden. In den USA wurde der ReWalk 2011 von der Food and Drug Administration (FDA), die in den USA die Zulassung von Medizinprodukten regelt, als Hilfsmittel für Querschnittgelähmte registriert. Nun will das israelische Unternehmen auch in Europa Fuß fassen, allen voran in Deutschland – dem „Geburtsland der Hightech-Orthopädietechnik“, wie Frijters die Bundesrepublik nennt.

Eines der Gesichter des Unternehmens ist André van Rüschen. Der 40-Jährige war der erste Deutsche, der die Roboterhose als Tester getragen hat, auch er ist querschnittgelähmt. Das Gefühl, nach einem Jahrzehnt im Rollstuhl wieder auf den eigenen Beinen zu stehen, beschreibt der Friese als „grandios“.

Und nicht nur das: Stehen und Laufen bekommt van Rüschen auch körperlich gut. „Solange ich im Rollstuhl saß“, sagt er, „war meine Blase permanent entzündet.“ Ständig musste er Medikamente nehmen. Seitdem er mit dem ReWalk-Exoskelett laufen kann, ist nicht nur Schluss mit der Blasenentzündung, auch seine Darmtätigkeit hat sich verbessert, die Rückenschmerzen gingen zurück und die Spastiken in seinen Beinen sind verschwunden. Schmerzmittel braucht van Rüschen heute keine mehr.

 

André van Rüschen © ReWalk Robotics GmbH

Anouk berichtet Ähnliches. Zwei Stunden lang steckten ihre Beine auf der RehaCare-Messe in dem ReWalk. Solange sie im Rollstuhl sitzt, hat sie Bauschmerzen; durch das Laufen und Stehen im Exoskelett waren die schlagartig weg. „Ich hatte vorher schon gelesen, dass so etwas passieren kann“, erzählt die Medizinstudentin, „wirklich geglaubt habe ich’s nicht.“

Manche Betroffene hoffen sogar, dass ihr Körper durch den ReWalk lernt, wieder selbstständig zu gehen. Da wiegelt Frijter jedoch ab. Oft sei er zwar selbst überrascht, welche Fortschritte manche Querschnittgelähmte mit dem Exoskelett machen, aber die Nervenbahnen zwischen Beinen, Rückenmark und Gehirn könne der ReWalk wahrscheinlich nicht wiederbeleben.

 

Exoskelett HAL

Anders als der ReWalk ist das Exoskelett HAL speziell für die stationäre Therapie von Menschen mit Querschnittlähmung konzipiert. HAL steht für Hybrid Assistive Limb (hybride Hilfsgliedmaße) und wurde von Yoshiyuki Sankai an der Universität Tsukuba in Japan entwickelt. Ob HAL der Standardtherapie für Querschnittgelähmte tatsächlich überlegen ist, wird derzeit am Zentrum für neurorobotales Bewegungstraining (ZnB) in Bochum untersucht.

Das HAL Exoskelett wird durch schwache Muskelaktivitäten und Nervenreize gesteuert und ist damit nur für Menschen mit einem inkomplettem Querschnitt geeignet, also für Betroffene, denen noch Restfunktionen in ihren Beinen geblieben sind. Elektroden auf Oberschenkeln und Knien messen die elektrischen Signale, wenn die Personen ihre Beine bewegen wollen und ein eingebauter Minicomputer steuert den Motor für die entsprechende Bewegung. Auf diese Weise wird die Bein- und Rumpfmuskulatur aktiv trainiert.

 

Der ReWalk ist ein Hilfsmittel, kein Therapiegerät

Repräsentative Studien, wie sich der Gebrauch des Exoskeletts langfristig auf den Körper der Betroffenen auswirkt, liegen noch nicht vor. Was es gibt, sind Einzelfallberichte und kleinere Studien, die ReWalk Robotics mit zehn bis 30 Probanden durchgeführt hat. Die Ergebnisse sind vielversprechend. Die Studienteilnehmer berichten ebenfalls von abnehmenden Schmerzen, zurückgehenden Spastiken und einer verbesserten Blasen- und Darmtätigkeit. Bei manchen reichen schon 20 Minuten Gehen im Roboteranzug, um Verdauung und Kreislaufsystem zu stimulieren.

Eine Richtlinie, wie viele Stunden Betroffene am Tag im ReWalk stehen sollen, wie viele Kilometer sie in der Woche laufen müssen, um vergleichbare Effekte zu erreichen, gibt es jedoch nicht. Das liege mitunter auch daran, dass es sehr unterschiedliche Ausprägungen von Querschnittlähmungen gibt, meint Frijters. „Doch je mehr die Betroffenen mit dem Exoskelett laufen“, ist der gebürtige Niederländer überzeugt, „desto besser.“ Ein Zuviel habe er bislang noch nicht erlebt.

In der stationären Rehabilitation werden Exoskelette schon vielseitig eingesetzt. Und der ReWalk ist nicht das einzige System: Am Zentrum für neurorobotales Bewegungstraining (ZnB) in Bochum arbeiten Physiotherapeuten gemeinsam mit Ärzten des Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikums Bergmannsheil beispielsweise mit dem Exoskelett HAL des japanischen Unternehmen Cyberdyne Care Robotics. In der Schön Klinik Bad Aibling setzen die Mediziner auf das Ekso GT Roboter-Exoskelett der Ekso Bionics Holding aus Kalifornien. Der therapeutische Nutzen der motorisierten Orthese steht hier außer Frage.

„Der ReWalk ist jedoch kein Therapiegerät“, betont Frijters, „sondern ein Hilfsmittel.“ Bei der Entwicklung des Exoskelettes ging es Amit Goffer um ein selbstbestimmtes Leben fernab von Kliniken. Querschnittgelähmte, so sein Ziel, sollten wieder mobiler werden und ihren Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen können. Die körperlichen Verbesserungen seien ein positiver Nebeneffekt, geplant waren sie nicht.

Eine Investition, die sich lohnt

Dass der ReWalk Menschen mit Querschnittslähmung in ihrem Alltag hilft, hat auch das Sozialgericht in Speyer festgestellt und in einem Urteil im Mai 2016 entschieden, dass die gesetzliche Krankenversicherung Betroffene mit einem ReWalk-Exoskelett versorgen können. Der ReWalk ist zwar noch nicht im GKV-Hilfsmittelverzeichnis aufgenommen, aber auch Hilfsmittel, die nicht amtlich gelistet sind, können der Leistungspflicht der Krankenkassen unterliegen. Der ReWalk ist damit das erste Exoskelett, dessen Kosten von einer Krankenkasse getragen werden.

 

Das Exoskelett als Hilfsmittel

Neben dem ReWalk ist in Deutschland seit diesem Jahr auch das Exoskelett Indego des amerikanischen Unternehmens Parker Hannifin Corporation für den Gebrauch/Einsatz in der häuslichen Umgebung erhältlich. Mit seinen gut zwölf Kilo ist das US-Modell deutlich leichter als der ReWalk. Allerdings gibt es den Indego nur in drei Größen; der ReWalk ist individuell einstellbar. Außerdem kann das israelische Gerät Bordsteine überwinden und Treppen steigen. Ob die Krankenkassen die Kosten für den Indego übernehmen werden, steht derzeit noch nicht fest.

Bewertungen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) oder den Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) liegen allerdings noch nicht vor. Thorsten Jakob, Pressesprecher bei der Hauptverwaltung der Barmer GEK betont daher, dass ein Antrag auf Kostenübernahme in jedem Fall einzeln geprüft und entschieden werden müsse. Im Ergebnis hat die Barmer GEK bis Ende 2016 noch keinen Antrag positiv beschieden.

Auch André van Rüschens Krankenkasse sträubt sich bislang, die Kosten für das Gerät zu übernehmen. Vor drei Jahren hat er seinen Antrag eingereicht, auf die Bewilligung wartet er bis heute. Auch Anouks Krankenkasse hat sich bis jetzt noch nicht geäußert.

Mit gut 100.000 Euro ist das Gerät auch nicht billig. „Doch rechnet man die Kosten für Schmerzmittel und Medikamente gegen meine Spastiken hoch, zahlt sich die Investition aus“, stellt die Medizinstudentin fest. Außerdem kann sie es kaum erwarten, das erste Mal zusammen mit ihrem Freund zu kochen – ihre Wohnung ist nicht barrierefrei und an Herd und Schränke kommt sie im Rollstuhl sitzend nicht heran.

ReWalk Robotics übergibt Anouk das Exoskelett nun probeweise für drei Monate. In dieser Zeit wird sie ihre Fortschritte dokumentieren. Mit diesem Nachweis, so ihre Hoffnung, kann die Krankenkasse den Antrag auf Kostenübernahme nicht mehr ablehnen.


Autor: Stella Hombach
Datum: 9. Januar 2017
Informationsquelle

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