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Dieser querschnittsgelähmte Friese nimmt mit Exoskelett am Cybathlon teil

„Nein, nein! Passt schon!” ruft André van Rüschen, als er kurz aus dem Gleichgewicht kommt und wir ihm zu Hilfe eilen wollen. Gekonnt fängt er sich mit seinen Gehhilfen ab, verlagert sein Gewicht wieder in die Mitte, drückt auf einen Knopf an seiner Armbanduhr und läuft weiter über den Rasen des Stadions. Van Rüschen ist querschnittsgelähmt.

Bei einem Autounfall im Jahr 2003 hatte er sich den 12. Brustwirbel gebrochen, welcher sein Rückenmark dabei vollständig durchtrennte. Seither „sitzt er im Rollstuhl”, könnte man reflexhaft vermuten. Doch van Rüschen läuft, nicht wie durch ein Wunder, sondern als Pilot eines Exoskeletts der israelischen Firma ReWalk. Mit dieser Stützstruktur will er im kommenden Jahr sogar an einem Wettkampf teilnehmen: dem Cybathlon der Eidgenössischen Technische Hochschule (ETH) Zürich.

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Vor seinem Unfall war van Rüschen Autolackier-Meister in seinem Heimatort Uplengen in Ostfriesland. „Ich bin eher der praktische Typ”, sagt er. Deshalb ging ihm der Schreibtischjob in seiner Firma, den er nach der Entlassung aus dem Krankenhaus Frühjahr 2004 zugewiesen bekommen hatte, irgendwann auf die Nerven. „Ich hab das zwar eigentlich gern gemacht, aber es hat mich nicht richtig ausgefüllt. Das Büro ist nicht so meine Welt, sag ich mal.” Da kam die Anzeige von ReWalk gerade recht, die er Mitte 2012 im Club-Magazin des Katheter-Herstellers LoFric fand: Eine Testperson werde gesucht, für ein neues Exoskellett.

„Eigentlich hatte ich vor der Bewerbung gedacht: normalerweise brauchste das gar nicht wegschicken, das wird eh nix. Es gibt ja noch 300.000 andere Querschnittsgelähmte, die das auch gesehen haben.” Doch prompt wurde er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und fand sich wenige Wochen später (im Juli 2012) auf einem Trainingscamp in London wieder. Dort lernte er, wie man mit einem Exoskelett läuft. Heute ist er einer von 70 Menschen weltweit, die ein Exoskelett von ReWalk besitzen.

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Täglich ist van Rüschen zwischen 20 Minuten und vier Stunden mit seinem Exoskelett unterwegs. Er geht in den Garten, ins Dorf, „einmal sogar ins Kornfeld, obwohl das Ding für sowas gar nicht zugelassen ist”, flüstert er und grinst. Weil er vom Bauch abwärts weder etwas spürt noch bewegen kann, fühle sich das Gehen mit dem Exoskelett so an, als schwebe er über den Boden. Trotzdem verbessert er sich mit jedem Training. So hofft er bald auch beim Cybathlon eine gute Platzierung zu erreichen.

Die Entwicklung moderner Technologien wie Exoskelette, Prothesen mit sensorischem Feedback oder Gehirn-Interfaces eröffnet körperlich Behinderten ein völlig neues Feld für den sportlichen Wettkampf. Dabei zählt nicht mehr nur, wie fit der biologische Körper ihrer Träger ist, sondern auch die mentale Fitness der Ingenieure und Designer, die die Hilfsmittel erdenken und optimieren.

Im Vergleich zu den Paralympics ist Technik beim Cybathlon ausdrücklich erwünscht. Bei den Paralympics spreche man dagegen abwertend von „Technodoping“.

Erdacht wurde der Cybathlon von Professor Robert Riener, Leiter des Sensory Motor Systems Lab an der ETH Zürich. „Schon lange hatte ich mir überlegt, wie man unsere Forschung besser der Gesellschaft präsentieren kann”, erzählt er. Wie beim bekannten Robocup der Fussball spielenden Roboter sollen beim Cybathlon nicht einzelne Athleten gegeneinander antreten, sondern Teams verschiedener Unis und Unternehmen, bestehend aus einem Piloten, Ingenieuren und Trainern.

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Der Testlauf-Parcours für den Cybathlon. Bild: ReWalk,
André van Rüschen vor dem Cybathlon-Trainingsgebäude der Swiss Arena. Bild: ReWalk

„Der Anstoß zur Idee des Cybathlon kam uns im Jahr 2012 durch einen Medienbericht aus Chicago über einen Mann, der mit einer motorisierten Knieprothese den Willis Tower (ehemals Sears Tower) hochlief”, sagt Riener. Das große Medienecho habe ihn inspiriert, seine eigene Forschung wirksamer der Gesellschaft zu präsentieren. Wenn man dabei noch Forscherkollegen und die Industrie anspornen könnte, bessere Technologie für Körperbehinderte zu entwickeln, um so besser.

Rieners Plan war es nun, in einem großen Stadion Menschen mit „Assistenzsystemen” gegeneinander antreten zu lassen. Im Oktober 2014 startete die erste Registrierungsrunde in den Kategorien Hindernisparcours mit motorisierten Beinprothesen, angetriebenen Exoskeletten und elektrischen Rollstühlen, Geschicklichkeitsparcours mit motorisierten Armprothesen, Radrennen mit elektrischer Muskelstimulation und gedankengesteuertes Computerspiel («Brain-Computer-Interfaces»). Bisher haben sich 54 Teams zum Cybathlon angemeldet, der im Oktober 2016 stattfinden soll.

Im Juli diesen Jahres gab es schon einen ersten Testlauf mit 30 Teams aus 15 Ländern im Eislaufstadion SwissArena in Kloten (Schweiz). Auch André van Rüschen und sein Team von ReWalk waren dabei. „Der Hindernisparcours hatte es ganz schön in sich”, erzählt van Rüschen. „Wir haben nur drei der sechs aufgestellten Hindernisse geschafft.” Er müsse bis zum Herbst nächsten Jahres also noch ordentlich trainieren. „Im Finale werden wir gegen zwölf andere Teams mit komplett querschnittsgelähmten Piloten antreten”, so van Rüschen. Aber er ist hoffnungsvoll, dass er es nicht nur sprichwörtlich aufs Treppchen schaffen wird, denn sein neues Skelett läuft noch schneller und flüssiger und kann sogar Treppen steigen.

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Dabei sei van Rüschen vor seinem Unfall überhaupt nicht sportlich gewesen, sagt er und lacht. Erst in den Jahren danach habe er begonnen, mit dem Rollstuhl Basketball zu spielen und sogar ein paar Mal am Rollstuhl-Marathon in Berlin teilgenommen. Das sind klassische Disziplinen der Paralympics, der bisher größten Sportveranstaltung für Menschen mit Behinderungen.

„Beim Cybathlon geht es nicht in erster Linie um körperliche Geschwindigkeit und Kraft.”

Der Cybathlon schafft dagegen eine völlig neue Art von Wettkampf. „Beim Cybathlon geht es nicht in erster Linie um körperliche Geschwindigkeit und Kraft” sagt Professor Riener, „sondern darum, dass Menschen mit Behinderung und dem Einsatz moderner Technik Alltagsaufgaben meistern können.” Im Vergleich zu den Paralympics sei Technik also ausdrücklich erwünscht. Bei den Paralympics spreche man dagegen abwertend von „Technodoping“.

Die Macher des Cybathlon sehen die Verbesserung der Lebensqualität Behinderter durch Technologie also durchweg positiv, als erstrebenswertes Ziel. Kritik gebe es bisher auch kaum, sagt Riener. „Wir müssen aber auch klar sehen, dass Menschen, die mit motorischer Behinderung geboren wurden, sich oft mit ihrer Beeinträchtigung abfinden. Weil sie aus Ihrer Sicht ja auch vollkommen ’normal‘ ist.” Man dürfe sich also nicht als technologische Retter aufspielen. Deshalb sollten Bestrebungen, zum Beispiel Umgebungen barrierefrei zu machen, durch die technologischen Entwicklungen auch nicht gehemmt werden, fordert Riener.

Für André van Rüschen ist sein Exoskellet schon heute weit mehr als nur ein Mittel um an sportlichen Wettkämpfen teilzunehmen. „Als ich Jahr 2012 meiner Frau das erste Mal nach fast zehn Jahren gegenüber stand, da hatte sie schon Tränen in den Augen.”, sagt van Rüschen. „Der André aber auch, so wie wir alle”, verrät einer seiner Team-Kollegen. Die Leute gingen ihm auf der Straße nun auch nicht mehr aus dem Weg, weil er keinen Rollstuhl mehr hatte. Ein ironisches Zeichen, findet er, dass die Gesellschaft ihn nun wieder als “normal“ behandelt. Sein Exoskellet habe ihm darüber hinaus aber vor allem die durch das viele Sitzen sehr häufigen Rückenschmerzen genommen, sowie eine chronische Blasenentzündung und schmerzhafte Spastiken der Beine gelindert.

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Weltweit warten heute mehr als 500 Menschen mit Querschnittslähmung auf die Finanzierung ihrer Krankenkasse für ein solches Exoskelett. Van Rüschen ist auch einer von Ihnen. Auf dem Cybathlon im Oktober 2016 wird er nun nicht allein den Krankenkassen beweisen, wie sehr diese Technologie Menschen wie ihm wieder auf die Beine hilft.


Autor: Christian Honey
Datum: 17.08.2015
Foto: Grey Hutton
Informationsquelle

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