Presseberichte

Wieder auf den Beinen dank Exoskelett

Seit einem Jahr trainiert Thorsten Röhrmann aus Bruchhausen-Vilsen, wieder laufen zu können. Und das, obwohl er querschnittsgelähmt ist und im Rollstuhl sitzt.

 
Bruchhausen-Vilsen. Seit einem Jahr trainiert Thorsten Röhrmann aus Bruchhausen-Vilsen, wieder laufen zu können. Und das, obwohl er querschnittsgelähmt ist und im Rollstuhl sitzt.

 

Gut zu Fuß: Thorsten Röhrmann aus Bruchhausen-Vilsen ist querschnittsgelähmt, kann aber trotzdem gehen. (UDO MEISSNER)
 

Ein Wunder? Nein, möglich macht das ein High-Tech-Gerät. Ein Exoskelett.Zur Vorgeschichte: Morgens um 8 Uhr am 25. August 1996, einem sommerlichen Sonntag, änderte sich Röhrmanns bisheriges durchgeplantes Leben zwischen Beruf, Familie, zwei Zusatzbeschäftigungen und Sport schlagartig. Der Lagermeister bei einem Bremer Frachtunternehmen war in einem seiner Nebenjobs als Zeitungszusteller des WESER-KURIER in der Bremer Neustadt unterwegs. Beim Linksabbiegen mit seinem Motorroller wurde er von einem überholenden Auto erfasst. Damals 34 Jahre alt, 1,94 Meter groß, schlank und sportlich, konnte er sich glücklich schätzen, dass sein vom Schwimmen durchtrainierter Nacken- und Oberkörperbereich dem Aufprall widerstand. Was blieb, ist eine Querschnittslähmung vom sechsten Halswirbel abwärts, medizinisch als inkomplette Lähmung bezeichnet.

Neun Monate lang kämpfte Röhrmann sich in der berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Hamburg-Boberg durch das Reha-Programm – unter anderem mit Kajakfahren, Bogenschießen, Rollstuhl-Treppen-Training. „Von Beginn meiner Behandlung an stand die für mich zuständige Berufsgenossenschaft voll hinter mir“, so Röhrmann, „war zum Beispiel behilflich bei der Suche nach einer rollstuhlgerechten Wohnung nach dem Klinikaufenthalt.“

4100 Kilometer mit Handbike zurückgelegt

Bei einer der jährlich folgenden Reha-Maßnahmen in Damp lernt er die Bruchhausen-Vilserin Petra kennen. Sie ist an der linken Hand durch einen Morbus Sudeck gehandicapt. Eine nach dem Chirurgen Paul Sudeck benannte Erkrankung, die an den unteren Gliedmaßen nach Entzündungen, Traumen oder Operationen auftreten kann. Im Verlauf kommt es neben schmerzhaften Entzündungen schlimmstenfalls zur totalen Funktionseinschränkung.

 

Vorbereitung: Thorsten Röhrmann (rechts) legt das Exoskelett an, Kevin Kopania schaut zu. (UDO MEISSNER)
 

„Ich stand zu der Zeit vor dem Aus meiner Ehe“, erzählt Röhrmann, „und mit Petra öffnete sich für mich eine neue Tür zum Glück.“ Sie heiraten 2004, er zieht zu ihr, und 2014 ist das nach ihren Bedürfnissen gebaute Haus in einem Vilser Neubaugebiet fertig. Ebenerdig von Licht durchflutet, schließt sich an den offenen Wohnbereich ein Fitnessraum an, in dem Röhrmann am Seilzug trainiert, am Motomed Armbewegungen ausführt oder am Stehtisch seine Sehnen dehnt, damit Druck auf die Knochen ausgeübt wird. Vom Rollstuhl aus wird der Tischtennisball über die Platte gejagt. Über 4100 Kilometer weist inzwischen der Tacho des Handbikes auf, mit dem Röhrmann sich mit Armkraft draußen fortbewegt, oft begleitet von Australian-Shepherd-Hündin Paula, die ebenfalls Bewegung braucht.Aufstehen und Gehen ist nicht mehr möglich, dennoch machen ihm krampfende Muskeln in den Beinen, zum Beispiel bei Blutdruckabfall, das Leben Tag und Nacht schwer. „Nachts sind die Spasmen oft besonders extrem.“ Auf die Frage, ob im Wasserbett geschlafen wird, verneint das Paar und meint mit Galgenhumor: „Dann wäre Seegang vorprogrammiert.

 

Vier Motoren und zwei Batterien

Zufällig hört Röhrmann schließlich von einem Gerät, das wie ein Außenskelett getragen wird und die Funktionen des Gehens übernimmt, angetrieben von vier Motoren und zwei Batterien. Sogleich fallen da Science-Fiction-Figuren aus Filmen wie Spiderman, Hulk oder Iron Man ein. Und ihr Mann ist ein Fan solcher Kinohelden, weiß Petra Röhrmann. Näher mit der Materie befasst, stößt er auf die Firma Rewalk mit Sitz in Berlin, ein Anbieter von sogenannten Exoskeletten für Personen bis 100 Kilogramm Gewicht.

Der israelische Maschinenbauingenieur Dr. Arnit Goffer, selbst nach einem Unfall gelähmt, entwickelte bereits Ende der 1990er Jahre ein derartiges individuell anpassbares System. Investitionen und Forschung seitens des US-Militärs hatten dazu Vorarbeit geleistet. Das Ziel war, Soldaten zu ermöglichen, über normale menschliche Fähigkeiten hinaus operieren zu können, beispielsweise in gefährlichen Gebieten oder mit Schwerlasten. Unentwegt wurde weiterentwickelt. Heute bieten verschiedene Hersteller eine funktionsfähige Hilfe dieser Art auf dem Reha-Markt an.

Und wieder ist es ein Augusttag, als im Jahr 2015 Thorsten Röhrmann zum ersten Mal sein Exoskelett anlegt, nachdem er alle Vorgespräche, die ärztliche Unbedenklichkeitserklärung und eine individuelle Anpassung hinter sich gebracht hat. In der Vilser Sport- und Therapie-Praxis von Stefan Wolters, die über Platz zum Trainieren verfügt, gibt das Team erste Hilfestellung. Mit dabei auch Marcel Mielke, selbst Physiotherapeut in Diensten der Firma Rewalk. „Thorsten war total aufgeregt“, erinnert sich Mielke an diese Premiere.Akkus reichen für viereinhalb Stunden Gehen

Auf einer niedrigen Bank sitzend, ist es ein Kraftakt, die Füße in die am Gerät angebrachten knöchelhohen Schuhe Größe 47 mit den sensomotorischen Einlagen zu bugsieren und sie zu schnüren. Sie müssen fest sitzen, damit die Füße – in möglichst dünnen Socken wegen der Sensoren – nicht herausschlüpfen. Danach werden die auf seine Unter- und Oberschenkelmaße angepassten gepolsterten Gurte angelegt, gefolgt vom Becken- und Bauchgurt. Mittels Fernbedienung – sie wird am Handgelenk wie eine Uhr getragen – werden den motorisierten Hüft- und Kniegelenken per Knopfdruck Befehle erteilt. Am Rücken sind in einer flachen Box die Steuereinheit und die Batterien untergebracht. Ganz wichtig ist der seitlich sitzende Tilt-Sensor, der regulierend eingreift, um die Balance zu halten beim Vorwärtsgehen. Er gibt den Anstoß, das Beugen und Strecken der Gelenke nachzuahmen. Dann müssen die Gehhilfen gegriffen werden, an Oberarmen und Handgelenken nochmals mit einer Schlaufe gesichert. Die Gehhilfen ersetzen im Takt aufgesetzt praktisch die nicht mehr funktionsfähigen Muskeln. Und dann könnte Thorsten Röhrmann viereinhalb Stunden gehen, bevor die Akkus wieder geladen werden müssten.

„Als mein Mann das erste Mal vor mir stand, war das im wahrsten Sinn des Wortes ein erhebendes Gefühl“, erinnert sich Petra Röhrmann. „Ich konnte bisher, wenn er im Rollstuhl saß, immer auf ihn hinuntersehen. Nun musste ich zu ihm aufschauen.“ Ihr Mann sieht sie bei diesen Worten mit großer Zärtlichkeit an, und es ist offensichtlich: Die beiden kosten im täglichen Leben trotz ihrer Schicksalsschläge jeden nur möglichen Glücksmoment aus.

 

Und er geht und geht und geht

 

„Wenn man dann nach so vielen Jahren zum ersten Mal steht, ist das ein ganz großer Augenblick“, so Röhrmann. „Aber ehe ich losgehen kann, muss ich mich erst einmal in der Taille lockern, mich eingrooven, bevor der Befehl eingetippt und durch einen Signalton bestätigt wird, den ersten Schritt zu tun. Besonnenheit ist gefragt. Hektik kann dazu führen zu stürzen.“ Je nach Wetter, ob etwa die Muskeln kalt sind, ob er müde ist, die Gehhilfen zu weit nach vorn setzt, die Neigung des Körpers zu aufrecht ist, kann es dazu kommen, dass der Befehl zum Gehen automatisch gestoppt wird. Oft muss er mehrmals einen neuen Versuch starten. Und dann ist es soweit: Sein rechtes Bein schwingt kurz nach hinten, nach vorn und er geht einen Meter, zwei, drei, geht und geht und geht.

 Kevin Kopmania, Physiotherapeut in der Praxis Wolters, unterstützt Thorsten Röhrmanns Fortschritte, für den dieser Begriff seine ursprüngliche Bedeutung zurückgewonnen hat. Seit einem Jahr wird viermal wöchentlich trainiert. Dass er die zehn Meter lange Halle, die ansonsten für Reha-Gruppensport gebraucht wird, nutzen darf, ist ein großes Entgegenkommen, findet er. Der Physiotherapeut erzählt: „Mein Chef und ich haben uns zu Beginn auch einmal in das Exoskelett geschnallt, um zu testen, wie es ist, damit zu laufen. Es war beeindruckend, welche Kräfte auf einen einwirken. Ich wurde regelrecht gegangen, was ich mit meinen intakten Beinen ganz intensiv spürte.“ Neben dem Gehen wurde von Röhrmann geübt, in einem Parcours vor Hindernissen zu stoppen und ein paar Treppenstufen zu erklimmen. Draußen vor der Praxis ist Röhrmann schon am Bürgerpark entlanggegangen, als Vorbereitung für die Zeit, wenn er aus der Fürsorge des Betreuers entlassen werden kann.  Ein Jahr der großen Veränderungen

In diesem Jahr hat sich so viel für ihn geändert, stellt er fest. Die Blasen- und Darmfunktionen verbesserten sich, ebenso Haltung und Gleichgewicht. Die Gefahr von Druckgeschwüren durch das viele Sitzen ist gemindert, geringere Medikamenteneinnahme, die Physis stabilisierte sich. Thorsten Röhrmann ist unendlich dankbar für all diese Fortschritte. In Gesprächen mit Betroffenen erlebe er immer wieder Frust und dass sie sich aufgeben. Er resigniere nicht. „Das Exoskelett kostet einschließlich der Therapie 100 000 Euro, und all die anderen Hilfsmittel, die ich brauche, um mein Leben zu meistern, wurden bisher anstandslos von der Berufsgenossenschaft bezahlt. Dazu kommen die Reha-Maßnahmen. Ich bin schon ein großer Kostenfaktor“, resümierte er.

Auf der Fachmesse „Rehacar“ in Düsseldorf ist er gelaufen, wie er strahlend erzählt, um das Gerät publik zu machen und von seinen Erfahrungen zu berichten. Betroffenen Mut zu machen. 200 Patienten trainieren derzeit weltweit damit, 25 Systeme sind am Patienten, 100 weltweit verkauft, laut Marcel Mielke. Für Thorsten Röhrmann ist ein Ziel, baldmöglichst nicht mehr nur durch die Halle der Physio-Praxis mit dem Exoskelett zu schreiten, sondern es zuhause zweimal täglich zum Üben zu nutzen. Als nächstes: Spaziergänge mit seiner Frau zu machen, einschließlich Treppen zu steigen. Ein großer Wunsch: „Nicht mehr vom Rollstuhl aus in der Menge nur die Hintern der Marktbesucher auf dem Brokser Heiratsmarkt zu sehen, sondern fußläufig zu bummeln.“ Das kommentiert Ehefrau Petra lachend: „Vielleicht halten die Leute ihn dann sogar für eine besondere Markt-Attraktion oder Show-Nummer.“
 
 


Autor: Bärbel Rädisch
Datum: 7.12.2016
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