Exo-Skelett für Gelähmte

Wenn Gelähmte wieder laufen lernen.

Ein Mann hat einen Motorradunfall und ist seither gelähmt. Acht Jahre gewöhnt er sich daran, im Rollstuhl von unten auf die Welt zu blicken. Jetzt lernt er wieder laufen – mit Hilfe eines Exoskelettes.

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Die Sekunde, die sein Leben verändert, geschieht am Morgen nach dem Tag der Arbeit. Sein folgenschwerer Unfall am 2. Mai 2007 ist aber aus Olaf Schepps Erinnerung gelöscht. Das Weckerklingeln hört sich wie an jedem Arbeitstag an, so viel weiß er noch. Er steht auf, stellt den Wecker aus, zieht sich um und packt seine Sachen. Dann steigt er auf sein Motorrad, um in die Nachbarstadt Biesingen im östlichen Saarland zur Arbeit zu fahren – in den Produktionsbetrieb der Firma Walle. „Was dann passierte, kann ich nur rekonstruieren“, sagt Schepp. Der Motorradunfall kostet ihn die Fähigkeit zu laufen. Vom vierten Wirbel abwärts ist er seither querschnittsgelähmt.

Wenn man Olaf Schepp in seinem Haus in Niederwürzbach trifft, ist man erstaunt, wie gut er mit seiner Behinderung zurechtkommt. Wendig bewegt er sich in seinem Rollstuhl: Tischdecken, Wassereinschenken und Unterlagenholen geht scheinbar mühelos. Er erzählt von seinen sportlichen Aktivitäten – vom Marathonfahren und vom Rollstuhl-Basketball. Sie sind die Erklärung für seinen drahtigen Körper. Seine Sportlichkeit hat ihm nun einen ganz außergewöhnlichen Schritt ermöglicht: Als erstem Versicherten in Deutschland hat ihm die Berufsgenossenschaft Holz und Metall ein Exoskelett finanziert. Das ist ein von außen angelegter Rahmen, mit dessen Hilfe Querschnittsgelähmte elektrisch angetrieben aufrecht laufen können.

„Mein Sohn war zweieinhalb und gerade sauber. Jetzt musste ich mit 33 alles noch mal lernen“, sagt Schepp über die schwere Zeit vor acht Jahren. Eine Einblutung zwischen Rippe und Lunge muss sofort operiert werden, damit er nicht erstickt. In einer sechseinhalbstündigen Operation werden an der Universitätsklinik in Homburg die kleinen noch funktionierenden Räder seines Körpers justiert. Danach wird er zur Reha nach Heidelberg verlegt. Schepp kommt das erste Mal mit der Berufsgenossenschaft in Kontakt und lernt nach und nach schätzen, was der Unterschied zwischen „AOK-Choppern“ und BG-Rollstühlen und zwischen der Rehaplanung einer Berufsgenossenschaft und den finanziellen Auslagen gegenüber einem privaten Versicherer sind.

„Ich wollte gehen und musste noch bleiben“

„Am Anfang hatte ich erstmal nur die Krankenkasse im Kopf, und die sind ja immer so großzügig“, sagt Schepp ironisch. Seine Handballmannschaft gründet eine Spendenorganisation, um ihn im Notfall zu unterstützen, und heimst mit diesem Engagement Ehrungen ein. Doch in Existenznot gerät Schepp nicht. Stattdessen kommt er in die Obhut der Berufsgenossenschaft. Sie betreut ihn in der Reha, baut in sein Haus einen Aufzug vom Erdgeschoss in den ersten Stock, und sie gewährt ihm Zuschüsse für ein behindertengerechtes Auto und zahlt ihm eine monatliche Rente. „Das war der Unterschied zwischen meinem Bettnachbarn und mir: Er wollte noch in der Reha bleiben und musste gehen, ich wollte gehen und musste noch bleiben“, sagt er. Die BG will sicherstellen, dass alles zu Hause hergerichtet ist, bevor er dorthin zurückkehrt.

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Wäre es ein Privatunfall gewesen, wäre die Hilfe nicht aus einer Hand gekommen, sagt Fredi Lahr, Leiter Rehabilitation der BG Holz und Metall, der mit am Essenstisch sitzt: Für die akute medizinische Behandlung wäre die Krankenkasse aufgekommen, für die berufliche Reha die Rentenversicherung, für die Arbeitsvermittlung die Bundesagentur für Arbeit, für den Umbau die Wohnhilfe. „Der Spaß an unserer Arbeit besteht darin, dass wir den ganzen Prozess begleiten“, sagt Lahr. „Das gibt Sicherheit in der Bearbeitung und vermeidet Schnittstellen.“ Und es nützt den Versicherten.

Wer noch keinen Wege- oder Arbeitsunfall erleiden musste, hat keine Berührung mit dem System der gesetzlichen Unfallversicherung. Es wurde 1885 im Zuge der Bismarckschen Reformen gegründet. Nur Arbeitgeber zahlen ein. Der Beitrag wird als Umlage von den Mitgliedsunternehmen erhoben und richtet sich nach den tatsächlichen Ausgaben. „Die Berufsgenossenschaft selbst spart hier also nie etwas“, sagt Albert Platz, Vorsitzender der Geschäftsführung der BGHM. Ausgaben belasten die Mitglieder. „Die Vorstellung, dass wir durch Nichtzahlung unsere Versicherten ausquetschten, ist deshalb absurd“, räumt er mit einem gängigen Klischee auf. Weil die BG keine Gewinne mache, gebe es keine Renditeorientierung.

Es gehe allein darum, die soziale Teilhabe zu verbessern

Deshalb kann sich die BGHM kostspielige Projekte wie Olaf Schepps Exoskelett leisten. „Wir schütten nicht das Füllhorn aus, sondern versuchen den Spagat“, rechtfertigt Reha-Leiter Lahr das Vorgehen. 70.000 Euro kostet das Gerät. Die vielen Übungsstunden sind eingeschlossen. Eine Ersparnis ergebe sich daraus nicht, Schepp erhält weiter seine Rente, seine Krankengymnastik und seinen Zuschuss zum Behindertensport. Es gehe allein darum, die soziale Teilhabe zu verbessern. „Allein schon zu stehen und sich mit Leuten auf Augenhöhe zu unterhalten, löst ein inneres Feuerwerk von Glücksgefühlen aus“, sagt Schepp.

Mit dem Mitarbeiter eines Sanitätshauses legt Schepp den Rahmen an: Er setzt sich vom Rollstuhl auf einen Sitz, wechselt die Schuhe, befestigt eine Schiene mit sechs Klettverschlüssen an seinen unmuskulösen Beinen und am Bauch. Dann bindet er eine Armbanduhr um, mit der er das Gerät steuern kann, legt einen Rucksack an, in dem der Motor ist. Er greift nach seinen Krücken und stellt die Uhr auf Laufmodus. Ein Elektromotor erklingt, vorsichtig setzt er einen Schritt nach dem anderen – bis er fünf Meter weiter die offene Küche erreicht. Er hält an, verschnauft und tritt den Rückweg an.

Zweimal die Woche übt er mit seinem Betreuer in der örtlichen Sporthalle. „In der Halle läuft er allein. Wenn er einen Ball sieht, schaltet er den Kopf aus“, sagt dieser. „Der Tag wird kommen, an dem wir so ein Gerät auch mal jemandem verweigern müssen“, kündigt BGHM-Reha-Leiter Lahr an. Denn ob ein Exoskelett für einen Gelähmten geeignet sei, hänge auch von seiner Motivation ab. Wer sich selten vom Sofa erhebe, könne nicht erwarten, wie Schepp behandelt zu werden.

Der Treiber der Fusionen war die Politik

Die Berufsgenossenschaften erleben einen rasanten Wandel. Einst gab es für jeden Berufszweig eine eigene BG. 1963 waren es noch 36 Einrichtungen. Seither fiel die Zahl auf neun. Die BG Holz und Metall ist gemessen an den Aufwendungen von 2,4 Milliarden Euro die größte. „Der Treiber der Fusionen war die Politik. Durch Fusionen lassen sich aber Leistungen für Versicherte nicht einsparen“, sagt Albert Platz. Da die Verwaltungskosten aber nur 6 bis 7 Prozent des Budgets ausmachten, die Rentenleistungen dagegen allein rund eine Milliarde Euro, sei die Ersparnis überschaubar. Für Prävention gibt die BG 8 Prozent ihres Budgets aus.

Verging in den sechziger Jahren kaum ein Tag, an dem ein Sachbearbeiter nicht ein abgetrenntes Glied regulieren musste, überwiegen dank der höheren Sicherheit heute Stolperunfälle, auch psychische Probleme nehmen an Bedeutung zu. Doch die Genossenschaft leistet nur dann, wenn auch wirklich ein Zusammenhang zwischen Arbeitsunfall und Körperschaden besteht – nicht etwa, wenn ein Feuerwehrmann beim Einsatz einen Herzinfarkt hatte, der unabhängig von der Arbeit war. Weil viel mehr Prozesse inzwischen automatisiert sind, bleibt den Mitarbeitern mehr Zeit, ihren Service zu verbessern. So erarbeitet die BG Holz und Metall derzeit etwa eine „Peer-Landkarte“, um Unfallopfer durch Betroffene aus ihrer Nähe zu unterstützen.

Olaf Schepp aus Niederwürzbach konnte dieses Netzwerk noch nicht in Anspruch nehmen. Doch auch für ihn sei es hilfreich gewesen, dass er schon in der Reha auf andere Rollstuhlfahrer gestoßen sei, sagt er. „Sie haben ihr Leben neu gelernt. Man konnte darüber reden, ob sie wieder arbeiten. Man findet seinen Lebensmut wieder“, sagt er. Schepp selbst hat sich dagegen entschieden, wieder zu arbeiten. Seine sportlichen Aktivitäten nehmen viel Zeit in Anspruch.

600.000 Euro hat die BGHM bislang für alle Unterstützungsleistungen ausgegeben – die Rente nicht eingerechnet. Im Gegenzug ist er bereit, oft zu kommen, wenn die Einrichtung ihn als Ansprechpartner anfragt. Auch den Auszubildenden der BG hat er schon berichtet, wie die Versorgung abgelaufen ist. „Rechtlich sind wir eine Behörde“, sagt Rehabilitationsleiter Lahr. „Ein Großteil hat aber unsere Dienstleistungsorientierung verstanden – schon in der Ausbildung.“ Geschichten wie die von Olaf Schepp tragen dazu bei.

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